Zwischen Computer und Buchstabentafel
Eitorf. Die Kinder sitzen im Kreis auf ihren Stühlen. Daniel spricht über Russland, und
seine Mitschüler hören ihm zu. Dass dort "viele Schachweltmeister herkommen",
hat den Zehnjährigen besonders fasziniert. Jedenfalls macht er dies zu einem
Schwerpunkt seines Vortrags.

Und damit ist man auch
schon mitten im Thema. Die Mädchen und Jungen der Grundschule Harmonie in Eitorf
entscheiden selbst, womit sie sich beschäftigen. Das findet auch bei
Erziehungsexperten Anklang. Und so haben die elf Juroren die Einrichtung im
südöstlichen Rhein-Sieg-Kreis für die Endrunde des erstmals verliehenen
"Deutschen Schulpreises" nominiert.
Den ersten Platz erreichte zwar die Grundschule Kleine Kielstraße in Dortmund,
doch auch die Eitorfer Schule bekam eine gute Beurteilung: "Diese Schule baut
darauf, dass Kinder Interesse am Lernen haben. Niemand muss etwas tun, womit er
nicht einverstanden ist. Aber es ist natürlich erwünscht, andere anzustecken und
sich anstecken zu lassen, zum Beispiel durch fesselnde Präsentationen."
Insgesamt erreichten 18 Schulen von bundesweit 481 Bewerbern das Finale.
An der Grundschule Harmonie lösen die Kinder ihre selbst gewählten Aufgaben
alleine oder in Gruppen und tragen anschließend ihre Ergebnisse in der Klasse
vor. "Es gehört zu unseren Prinzipien, dass alles, was erarbeitet wird, auch
öffentlich präsentiert wird. So ein Vortrag stärkt das Selbstbewusstsein und
macht den Kindern klar, dass das Gelernte wertvoll ist", erklärt Rektor Walter
Hövel eine Leitlinie seiner reformpädagogisch orientierten Schule.
Eine weitere: Die Lehrer stehen den Schülern beratend - und nicht "allwissend" -
zur Seite, greifen so wenig wie möglich in den Lernvorgang ein. Nach dem Vortrag
folgt eine Diskussionsrunde. Die Kinder bewerten das Gehörte, loben und
kritisieren - die Pädagogen übernehmen dabei die Rolle eines Moderators.
Für die vor zwölf Jahren gegründete Schule ist "nie ein spezielles Konzept
geschrieben worden, wir richten uns nach den offiziellen Lehrplänen", betont
Walter Hövel. Doch wer nur den Alltag an einer "normalen" Grundschule kennt, der
wundert sich bei einem Besuch in Eitorf über das Maß an Selbstständigkeit, mit
dem die Kinder ihr Lernen gestalten. In den altersgemischten Klassen, in denen
Erst- bis Viertklässler gemeinsam unterrichtet werden, gibt es keine festen
Stundenpläne.

Für die Kinder beginnt der
Tag mit einer gemeinsamen Runde. Jeder erzählt, was er sich für die kommenden
Stunden vorgenommen hat. So beschäftigen sich etwa die ganz Kleinen mit einer
Tafel, auf der jedem Buchstaben ein Begriff zugeordnet ist (X wie Xylophon) und
lernen so das Alphabet. Zur gleichen Zeit schreiben die Größeren einen Text am
Computer. Denn auch das gibt es in der Grundschule Harmonie, die nach dem
Ortsteil, in dem sie liegt, benannt ist: In jedem Klassenraum sind mindestens
vier Internetplätze.
Dass die Kinder am Rechner keine Spiele spielen und Gewalt-Seiten aufrufen
dürfen, wissen sie. "Die Kontrolle geschieht durch die Gruppe. Denn jeder kann
ja sehen, was der andere auf dem Bildschirm hat", sagt der Schulleiter. Während
die einen online arbeiten, sitzen wieder andere im Schulatelier und machen mit
beim Malprojekt. Künstler aus der Gemeinde unterstützen die Schule ehrenamtlich
und bieten dort verschiedene Kurse an.
Noch eine Besonderheit der Schule ist das Kinderparlament. Dafür wählt jede
Klasse zwei Delegierte, die sich einmal in der Woche mit dem erwachsenen -
ebenfalls von den Kindern ausgesuchten - "Kids-Manager" treffen und ihre Ideen
diskutieren. Die Beschlüsse des Kinderparlaments und die der Lehrerkonferenz
sind gleichwertig. "Bei all dem leben wir hier nicht in einem Paradies", sagt
Walter Hövel, um keinen falschen Eindruck entstehen zu lassen.
Auch an seiner Schule gebe es Kinder, die irgendwann einfach aufhören zu lernen.
"Dann versuchen wir, sie durch Eltern-Lehrer-Kind-Gespräche wieder
zurückzuholen", erklärt der Pädagoge. Bei vielen gelingt es, was auch die
Übergangsquote zum Gymnasium zeigt. Zwar sei dies nicht das entscheidende
Qualitätskriterium seiner Schule, aber dennoch: 2006 gingen 65 Prozent der
"großen" Harmonie-Grundschüler aufs Gymnasium und "damit liegen wir über dem
Gemeindedurchschnitt", sagt Hövel.
Fragen und Anregungen zum neuen Schulgesetz bitte an schule@ga-bonn.de (auf Wunsch vertraulich). Nachdrucke der GA-Beilage "Die
richtige Schule für mein Kind" sind erhältlich unter der Rufnummer
(02 28) 66 88 244.
(Bonner Generalanzeiger, 08.01.2007)